1. Mainzer Mediencamp des DJV Rheinland-Pfalz zur Zukunft des Journalismus

„Kann das weg?“ – Zugegeben, die Frage war polemisch gemeint – natürlich kann er nicht weg, der Qualitätsjournalismus. Doch wie soll er in Zukunft aussehen? Unter welchen technischen und ökonomischen Bedingungen soll und kann er bestehen? Und wie wird sich das Publikum verhalten? Alles existenzielle Fragen, die Journalistinnen und Journalisten mehr denn je umtreiben, seien sie nun altgedient oder noch neu in diesem Beruf. Mit dem 1. Mainzer Mediencamp bot der DJV, Deutschlands wichtigste Journalistengewerkschaft, am 14. Oktober Gelegenheit, die Verunsicherung zu überwinden und für die Macher neue, konkrete Perspektiven zu gewinnen. Der Einladung des DJV-Landesverbandes Rheinland-Pfalz waren rund 70 Medienprofis ins Mainzer SWR-Funkhaus gefolgt, um einen ganzen Tag lang in 16 verschiedenen Sessions Impulse zu empfangen und selbst mit zu diskutieren.
Als „Speeddating mit Ideen, Konzepten und Kollegen“ charakterisierte Andrea Wohlfart, Landesvorsitzende des DJV-Rheinland-Pfalz, in ihrer kurzen Einführung das Konzept dieser Pilotveranstaltung. Ziel sei kein akademischer Monolog, sondern der offene Austausch mit allen, die sich um Chancen und Risiken professionellen Journalismus heute und morgen Gedanken machen.

Wertschätzung? Fehlanzeige!

Dem konnte sich DJV-Bundesvorsitzender Frank Überall, selbst Journalist, Dozent und Sachbuchautor, in seiner knappen Begrüßung nahtlos anschließen. Als Freier Rundfunkjournalist und Professor an der HMKW – Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft – in Köln kennt er Theorie und Praxis des Medienalltags. „Beim Stichwort ‚Journalismus 4.0‘ fällt mir als Erstes der Begriff „Wertschätzung ein“, packte er den Stier gleich bei den Hörnern. Denn genau daran fehle es zur Zeit allenthalben. Die Arbeitgeber ließen es vielfach ebenso an Wertschätzung für die professionellen Journalisten mangeln wie neuerdings vermehrt auch Leser, Zuschauer und -hörer. Immer mehr Menschen gingen einfach davon aus, das wichtige Nachrichten sie schon ‚irgendwie‘ erreichen würden. Wer brauche da noch die klassischen Medien und wolle dafür sogar noch etwas bezahlen? „Natürlich dürfen wir unsere Kernkompetenz – mit Nachrichten verantwortungsvoll umzugehen – keinesfalls vernachlässigen. Doch müssten wir Journalisten heute eben auch immer wieder erklären, was wir da tun und an welchen Regeln der Fairness wir uns dabei orientierten. „Diesen Beruf muss es auch in Zukunft geben“, rief Überall seinen Zuhörern zu,“denn er ist für eine freiheitliche, demokratische Gesellschaft unverzichtbar!“ Professioneller, ethisch ndierter Journalismus stehe geradezu im Rang einer Kulturtechnik, auf die eine Gesellschaft nicht ungestraft verzichten könne. Das müssten alle Journalisten immer wieder deutlich machen.

Überall ließ es sich auch nicht nehmen, eine der Sessions persönlich zu leiten. Dem Thema Qualität im Journalismus widmete er sich unter der Überschrift „Gütesiegel ohne Wert“. Er kenne die Probleme als Freier bei einer öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt aus eigener Erfahrung: „Auch bei uns im Sender wird permanent gespart. Das geht nur, weil sich ein System von Praktikanten, Hospitanten und Dilettanten entwickelt hat.“ Nur so seien die Lücken zu schließen, wenn das hauptberufliche Personal immer mehr ausgedünnt würde, um die Kosten zu senken. Gerade, weil Journalistinnen und Journalisten so am Produkt ihrer Arbeit hingen, seien sie zur Selbstausbeutung bereit „Doch auch wenn wir viel für unsere Beiträge in Kauf nehmen, müssen wir dort Stopp-Schilder aufstellen, wo der Mangel an Wertschätzung entschieden zu weit geht.“

Auch auf der Seite der Leser, Zuschauer und Zuhörer müsse man gegen die Gratis-Mentalität, wie sie das Internet kultiviert habe, angehen. „Diese Gesellschaft kann sich nicht allein von geistigem Fastfood ernähren, ohne daran Schaden zu nehmen“, betonte Überall. Doch wollte er es nicht bei mahnenden Worten bewenden lassen, sondern auch konkrete Vorschläge zur Diskussion stellen, was man denn zur Abhilfe tun könne. Warum zum Beispiel nicht ein Gütesiegel schaffen für Qualitätsjournalismus, irgendwo zwischen Stiftung Warentest und dem Deutschen Spenden-Siegel angesiedelt? Und ein weiterer konkreter Vorschlag: mehr Medienkompetenzerziehung in den Schulen. Denn inzwischen können längst nicht mehr alle Schüler und Studenten zwischen richtigem Journalismus und bezahlter PR unterscheiden.

Die anschließende Diskussion brachte weitere Vorschläge: ein bedingungsloses Grundeinkommen für Journalisten etwa, oder transparente Preisschilder auch an scheinbar kostenlosen Medienangeboten wie dem kommerziellen Free-TV. Ein anderer Vorschlag: das Geschäftsmodell der Musikindustrie kopieren, mit dem sie den Digitalisierungsschock überwunden hat. Oder wie wäre es mit der Gründung einer deutschen internet-Suchmaschine, die hiesige Qualitätsangebote stärker berücksichtigt? Oder wie steht es um neue Geschäftsmodelle wie Interviewgespräche im Theater gegen Eintritt? Was immer davon realistisch ist, in einem waren sich die Teilnehmer mit Frank Überall jedenfalls einig: „Wir müssen den Qualitätsdiskurs führen, um weiter anschlussfähig zu bleiben!“

Neue Gatekeeper – alte Finanzierungsprobleme

„Am Gelde hängt, zum Gelde drängt doch alles, ach, wir Armen“, wusste schon Goethe. Und auch Stephan Goldmann, Dozent und Ex-Chefredakteur von CHIP specials, sah sich genötigt zu Fragen: „Wie(so) zahlt der Leser?“ und schöpfte dabei aus seinen Erfahrungen mit Blog-Projekten wie lousypennies.de und anderen. Um seine Quintessenz gleich vorwegzunehmen. „Wir haben noch keine Lösung des Finanzierungsproblems im Netz gefunden.“ Dabei machte Goldmann niemandem einen Vorwurf, die Umsonstkultur befördert zu haben. Die Verleger hätten eben einfach nicht mehr „den Daumen drauf“, die neuen Gatekeeper der angesagten Plattformen hießen Google, Facebook und Co. Und er stellte lakonisch fest: „Die Leser müssen uns und unsere Arbeit eben nicht wertschätzen.“ Wertschätzung, die sich auch als Einkommen ausdrücke, funktioniere dann, wenn wir als Anbieter wirklich wüssten, für welche Zielgruppe wir etwas anböten und was die tatsächlich wolle. Sein Fazit: „Den Leser gibt es nicht, darum lasst uns DIE Leser besser kennenlernen!“

Das Netz funktioniert (anders)

Einen der wichtigsten Gatekeeper des Internetzeitalters schaute sich Prof. Hektor Haarkötter (ebenfass von der Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft) in seiner Session näher an: Youtube. Welche Rolle spielen journalistische Angebote hier und wie vergleichen sie sich mit klassischen Nachrichtenmedien? Auch wenn man bedenkt, dass Nachrichteninhalte nur einen verschwindend geringen Anteil am Videopool auf Youtube haben, sind deren Zugriffszahlen gigantisch, wenn man sie gegen die der Mediatheken der Fernsehsender kontrastiert. Mit einer Fülle von Ergebnissen seiner wissenschaftlichen Analyse von 20 ausgewählten, nachrichtengeprägten Youtube-Kanälen verglich er genuine Youtuber wie Le Floid oder Mr. Wissen2Go mit klassischen Anbietern wie Tagesschau, N24 oder Süddeutsche. „Youtuber generieren zum Teil sehr erfolgreich ihr eigenes Publikum, während klassische Medien vergleichsweise unbedeutend sind – und zwar so unbedeutend, dass sie nicht einmal nicht gemocht werden.“ Haarkötters Schlussfolgerung: „Wer im Internet Erfolg haben will, muss auch fürs Internet produzieren.“ Man könne den Youtubern auch nicht pauschal qualitative Mängel unterstellen, denn „sie siegen um Längen, wenn es um die Recherchetiefe ihrer Beiträge geht, schließlich können sie beliebig mit anderen Angeboten verlinken.“

Youtube sei inzwischen auch für manchen ein erfolgreiches Geschäftsmodell. Sogenannte Influencer würden professionell produziert und vermarktet, so dass sie davon leben könnten, auch wenn die Masse der Youtuber nie die Taschengeldgrenze überwinden würde. Youtube-Kanäle lebten eben von erfolgreicher Personalisierung ihrer Inhalte.

Großer Erfolg mit großen Zahlen?

Wie also können sich klassische Medien als unverzichtbar von solcher Konkurrenz abheben? Frederick von Castell (Johannes Gutenberg-Universität Mainz) stellte den Datenjournalismus als ein Option und Prototypen für die Zukunft vor. Datenjournalisten erschließen große Mengen von verfügbaren Rohdaten, um dem Mediennutzer einen konkreten, möglichst auf ihn zugeschnittenen Nutzwert anzubieten. So wie zum Beispiel die Berliner Morgenpost mit ihrem Online-Projekt „So tickt Berlin an deiner Linie“. Hier kann der Nutzer entlang der Linien des Nahverkehrs die Stadt erkunden und ihre soziale Gestalt ergründen. Oder wie in einem weiteren Beispiel, dem von der New York Times inspirierten BR Online-Projekt „Merkel nach Zahlen“, anhand dessen konkrete Folgen von Regierungshandeln im Zeitverlauf nachvollziehbar werden – von der Steuerlast bis zur zahl deutscher Soldaten im Auslandseinsatz. Oder wie im Projekt „Was steckt in meinem Trinkwasser?“, das die Heilbronner Stimme realisierte. Hier lässt sich Wasserqualität bis auf das Niveau einzelner Wohnstraßen hinab ablesen und sogar mit regionalen Mineralwässern vergleichen. News to use – verwirklicht von einer Regionalzeitung ohne große Redaktion. Von 117 deutschen Zeitungen mit selbstständiger Redaktion leisteten sich immerhin schon 47 ein eigenes Datenjournalismus-Team. Erfolgreicher Datenjournalismus setzt also nicht enorme Ressourcen voraus – ein Chance also auch für die kleineren Blätter. Denn er ist vornehmlich lokal und regional geprägt.

Damit ist das Angebot des 1. Mainzer Mediencamps noch nicht umfassend beschrieben, denn in zeitgleich laufenden weiteren Sessions ging es um Vitual Reality im Journalismus, den Wert von Ausbildung, die Situation gerade junger Frauen in den Medien, Meinungsfreiheit und Medienkonzentration, die Facebook-Strategie von BILD, die neue Recherche-Unit des SWR, Chancen und Gefahren des Roboterjournalismus und alternative Finanzierungsmöglichkeiten für Lokaljournalismus. Die hier getroffene Auswahl stellt keine Wertung da.

Andrea Wohlfart dankte zum Schluss allen am Mediencamp-Beteiligten, ihrer Stellvertreterin Conny Becker-Veyhelmann, Landesgeschäftsführerin Gisela Schmoldt, dem Sekretariatsteam der Geschäftsstelle Britta Müllges und Antje Irion und natürlich allen Session-Gebern für ihre engagierte Mitwirkung. Der herzliche Applaus aller Teilnehmer ist ihnen sicher Ansporn genug, dem 1. Mainzer Mediencamp weitere folgen zu lassen. Über die Zukunft des Journalismus zu diskutieren gibt es in einem Jahr gewiss auch noch Gründe genug.

Michael Sommer